Musik im alten China: Huangzhong, die »Gelbe Glocke«


Musik im alten China: Huangzhong, die »Gelbe Glocke«
Musik im alten China: Huangzhong, die »Gelbe Glocke«
 
Dem Mythos nach schickte der vordynastische Urkaiser Huangdi seinen Musikbeamten Lin Lung nach Westen, um das Tonsystem zu ordnen. Lin Lung machte sich auf den Weg und fand in einem hohen Gebirge nordwestlich des chinesischen Reiches geeignete gleichmäßig gewachsene Bambusrohre für sein Vorhaben. Während er damit beschäftigt war, jeweils Teile zwischen zwei Wachstumsknoten herauszuschneiden, ließ sich auf einem Baum in der Nähe ein Phönixpaar nieder. Das Männchen pfiff sechs Töne, das Weibchen pfiff sechs Töne. Daraufhin blies Lin Lung in seine Rohre und schnitt sie so lange zurecht, bis sie die Töne der beiden Vögel ergaben. Als Lin Lung - in den Palast zurückgekehrt - die zwölf Lü, wie er seine Töne genannt hatte, vor dem Kaiser und seinen Weisen vorspielte, erntete er großen Beifall. Ermuntert von seinem Erfolg ermittelte er die Maße der Pfeifen. Hierzu wählte er die Körner der schwarzen Hirse aus, weil diese in der Größe gleichmäßig ausfielen. Er legte ein Korn so an das andere, dass es das folgende jeweils an der Stelle seines kleinsten Durchmessers berührte. Auf diese Weise erhielt er für die Grundpfeife die Länge von 81 Körnern. Ihr Durchmesser betrug 3 Längen, und ihr Volumen fasste genau 1200 Hirsekörner. Dieser »Urpfeife« gab er den Namen »Huangzhong« (= Gelbe Glocke), während er den Ton, den sie hervorbrachte, »Gong« (= Hauptton) nannte. So hatte Lin Lung nicht nur die Grundlage für das Tonsystem geschaffen, sondern auch für die Hohl- und Längenmaße sowie für die Gewichte.
 
Der Mythos über die Herkunft der »Gelben Glocke« Huangzhong ist in der Literatur das erste Mal in dem auch für die Musiktheorie bedeutenden Werk »Frühling und Herbst« des Lü Buwei aus dem 3. vorchristlichen. Jahrhundert schriftlich erwähnt. Über die Bezeichnung »Gelbe Glocke« für den ursprünglichen Pfeifenton kann man nur mutmaßen, dass sie in die Zeit zurückgeht, als man begann, eine Glocke aus gelbem Ton auf ihn einzustimmen (früheste Formen von Tonglocken um 3000 v. Chr. aus der Yangshao-Kultur) oder aus gelber Glockenspeise (frühestes bislang gefundenes Bronzeglöckchen um 2100 v. Chr. aus einer Grabanlage der Longshan-Kultur), wobei die zweite Variante wahrscheinlicher ist. Außerdem kann die Silbe »huang« »grundlegend« bedeuten.
 
Archäologische Funde heute noch spielbarer Instrumente - zum Beispiel Steinspiele - belegen, dass es mindestens seit der Spätzeit der Shang-Dynastie (etwa 1500 bis 1050 v. Chr.) eine Materialtonleiter mit zwölf Lü gab und komplizierte Stimmverfahren bekannt gewesen sein müssen. Spätestens seit der Han-Zeit (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) war die Länge der Huangzhong-Stimmpfeife Ausgangspunkt für alle Maße und Gewichte im chinesischen Reich und ihre neue Festlegung für jede nachfolgende Dynastie ein wichtiger Beweis ihrer Legitimität. Bis zum Jahr 1911 wurde die »Gelbe Glocke« über dreißigmal überprüft. In der Han-Zeit entsprach sie etwa unserem heutigen Ton G.
 
Vom »Kammerton« Huangzhong ausgehend errechnete man weitere Tonstufen nach der Methode »San fen sun yi fa«, wörtlich »in drei Teile teilen und dann abwechselnd ein Teil wegnehmen und hinzufügen«. Aufbauend auf dem Verhältnis 3:2, das der Harmonie zwischen Himmel und Erde entsprach (die symbolische Zahl für Himmel ist drei und für Erde zwei) und dem Wohlklang der Quinte erhielt man die archaische, pentatonische Leiter. Zwei weitere Quintschritte ergeben mit den Zusatztönen Bianzhi und Biangong die heptatonische, »esoterische« Skala Yadiaoshe, die wahrscheinlich bereits der Zeremonialmusik in der Zhou-Zeit als Basis diente. Führt man zwölf Quintschritte aus, erhält man die zwölf Halbtonschritte Lü, von denen sechs als vollkommene Instrumentaltöne dem männlichen Prinzip Yang und dem Himmel zugeordnet waren, während die sechs unvollkommenen Vokaltöne mit dem weiblichen Prinzip Yin und der Erde in Verbindung gebracht wurden. Außerdem setzte man sie in Beziehung zu den Monaten und den Stunden des Tages. Schon in der frühen Zeit konnte jede Stufe der pentatonischen Leiter Grundton für einen Modus sein und bald darauf auch jeder Ton der heptatonischen Skala. Als jeder Lü Ausgangspunkt für die fünf beziehungsweise sieben Modi sein konnte, erhielt man 60 beziehungsweise 84 Diao. Erstmals dokumentiert sind die ersten fünf Schritte im Quintenzirkel, die die pentatonische Leiter ergeben, in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. in dem Werk »Guanzi« über Musik und Agronomie von Meister Guan Zhong. Eine temperierte gleichschwebende Stimmung fand in China als erster He ChengtianHe Chengtian im 4./5. Jahrhundert n. Chr. Rechnerisch ermittelte sie aber erst über tausend Jahre später Prinz Zhu Zaiyu als zwölf Lü - etwa hundert Jahre früher als in Europa der Organist und Musiktheoretiker Andreas Werckmeister.
 
Die Berechnungen der »Gelben Glocke« und der von ihr abgeleiteten Töne hatten nicht nur eminente Bedeutung für die Maße auf der Erde, sondern waren auch ausschlaggebend für die astrologische Grundordnung und die kosmische Harmonie. Es herrschte die Überzeugung, dass das Reich von Unheil verschont bliebe, wenn die »Gelbe Glocke« mit den Kräften des Universums in Einklang stünde, und ein wohl geordnetes Tonsystem war Voraussetzung für ein wohl geordnetes Staatssystem. Aus diesen Vorstellungen heraus wurde die Musik in die Staatsideologie mit einbezogen, und jede der offiziellen Dynastiegeschichten enthält im Anfangsteil eine Abhandlung über Musik. Auch von der Wirkung der wohlproportionierten Töne auf das menschliche Gemüt vor allem der Ritualmusik war man überzeugt und glaubte, dass sie die Stärke besäße, Harmonie und Frieden unter den Menschen zu stiften. Diese Auffassungen von der ethischen Kraft der Musik und ihrer Bedeutung in einem geordneten Staatswesen für die Erziehung und Bildung der Menschen sind in die Lehren des Konfuzius, der selbst mehrere Musikinstrumente beherrscht haben soll, mit eingeflossen. Er soll auch das »Buch der Lieder« (»Shijing«) neu zusammengestellt haben, dessen Texte auf die Zeit um 1000 bis 600 v. Chr. zurückgehen. Aus den ursprünglich über 3000 Musikstücken wählte er nach erzieherischen und ideologischen Gesichtspunkten 305 Beispiele aus: 160 weltliche Lieder aus 15 Regionen, 105 Kulthymnen mit sprachlich kunstvollen Texten zur Glorifizierung des chinesischen Kaiserhauses und 40 Sakrallieder für Staatsrituale.
 
Zu den frühesten Funden chinesischer Musikinstrumente zählen eine Knochenflöte mit sieben Grifflöchern (um 6000 v. Chr.) und Gefäßflöten (4800 bis 4300 v. Chr.). Aus der Shang-Zeit hat man Orakelinschriften auf Schildkrötenpanzern und Tierknochen gefunden, die Aufschluss über Musik und Tanz im Staatskult geben. Ein sensationeller Fund für die chinesische Musikgeschichte war 1977 die Entdeckung der Grabanlage des »Marquis Yi von Zeng« in Suixian in der Provinz Hubei, der um 433 v. Chr. gestorben war. Man fand 125 Musikinstrumente, darunter ein Lithophon mit 32 Klangsteinen und ein Glockenspiel mit 65 kunstvoll gegossenen Glocken.
 
Die Chinesen unterteilen ihre Musikinstrumente nach den Hauptmaterialien in acht Klassen. Bereits in dem kanonischen Werk »Zhouli« (»Riten der Zhou«) erscheinen für das Instrumentarium der sakralen Ya-Musik (»ya« = edel, erhaben) folgende Zuordnungen: Metall: klöppellose Glocken und Glockenspiele; Stein: Klingsteine und Klingsteinspiele; Holz: Schlagkasten und Schrapblock in Tigergestalt; Erde: Keramikschale als Schlaginstrument, Gefäßflöte aus Keramik; Fell: drei Fasstrommeltypen; Bambus: Flöte; Kürbis: Mundorgeln Sheng und Yu; Seide: Wölbbrettzithern Qin und Se. Diese Instrumente spielt man mit beispielloser Kontinuität in der Musikgeschichte von der frühen Zhou-Zeit an bis heute. Hinzu kamen aber auch immer wieder Übernahmen aus den Nachbarstaaten wie die verschiedenen Pipa-Lautentypen, die aus dem Mittleren Osten vom 4. Jahrhundert an nach China gelangten, oder die Trapezzither Yangqin aus Zentralasien im 16. Jahrhundert. Vom 10. Jahrhundert an gewannen die verschiedenen zweisaitigen Röhrengeigen aus dem Norden an Beliebtheit, so die Erhu und ihre verwandten Typen. Sie zählen neben der Mondgitarre Yueqin und der Oboe Sona zu den wichtigsten Melodieinstrumenten in der Peking-Oper, die sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts aus verschiedenen Lokalstilen entwickelt hat.
 
Das Musikwesen war in China schon früh einer straffen Organisation unterworfen nicht zuletzt durch die feste Einbindung der Musik in Staatsrituale und die große Nachfrage an Musikern zur Untermalung von Festen. Bereits unter König Cheng sollen um 1037 v. Chr. Riten und Musik gefördert und verbessert und der Kodex »Zhouli« abgefasst worden sein (die überlieferte Textfassung stammt wahrscheinlich aus dem 2. Jahrhundert v. Chr.), der Aufschluss über die differenzierte höfische Verwaltung der Musikinstitutionen gibt. Etwa 1200 Beteiligte, darunter auch Adlige niederen Rangs, sorgten unter der Aufsicht eines Großmusikadministrators für den Ablauf der rituellen Musikpräsentationen, der späteren Ya-Musik und auch für die Ausbildung der jungen Musiker in Gesang, Tanz, Instrumentalspiel und Musikethik, die diese zwischen dem 13. und 20. Lebensjahr zu absolvieren hatten. Im Lauf der Jahrhunderte wurde das Musikamt verkleinert und zwischenzeitlich sogar geschlossen, um 113 v. Chr. aber wieder installiert. Anfangs war es für die Zeremonialmusik verantwortlich und später in seiner Blütezeit im 2./1. Jahrhundert v. Chr. unter Kaiser Wudi auch für das Sammeln von Volksgesängen. Um 7 v. Chr. hatte es 829 Mitarbeiter. Große Bedeutung gewann es wieder während der Dynastien der Sui- und Tang-Kaiser (581 bis 907), als ihm zeitweise über 10 000 Musiker unterstanden. Seine Auflösung nach der Abdankung der Mandschu-Dynastie 1912 stellte einen enormen Bruch in der chinesischen Musikgeschichte dar.
 
Dr. Gretel Schwörer-Kohl
 
 
Watson, William: China. Kunst und Kultur. Ins Deutsche übertragen von Ruth Herold u. a. Farbphotographien von Jean Mazenod u. a. Freiburg im Breisgau u. a. 21982.

Universal-Lexikon. 2012.

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